Montag, 24. Juni 2002
Wahrheitsserum "statt" Folter
Einen durchaus vernünftigen - für die meisten Leser jenes erzkonservativen Elitenblattes jedenfalls wohl - Vorschlag im Kampf gegen das Böse bot uns letzten Donnerstag Mr. Kontorovich, seines Zeichens im nächsten akademischen Jahr "assistant professor of law at George Mason University Law School in Virgina" im Wallstreet Journal. Unter dem Titel "Make them talk" propagierte er ein Wundermittel namens "Truth serum". Dieses Wahrheitsserum solle künftig potentielle Terroristen zum Sprechen bringen. Klar, "the serum has not been used out of concern that doing so would amount to torture." Tortur sei aber "cruel and unusual punishment", in der amerikanischen Verfassung verboten, ebenso im internationalen und auch durch "good conscience". Fragt sich welches Bewusstsein.Jedoch aber könne man dieses Praxis durchaus einem anderen Verfassungartikel zuschreiben, jenem des "unusual search and seizure". Das Gesetz würde in diesem Fall erlauben "instrusivness of the search" gegen "gravity of the threat" und "urgency of discovering information" zu gewichten. Aha! Und da für die USA gegenwärtig so ziemlich alles eine massive Bedrohung ist und die Wichtigkeit von Informationsgewinnung (der Artikel selbst beweist es) nicht wenig betont wird, darf man auch keinen Zweifel daran hegen, dass das Truth-Wundermittel denn auch tatsächlich in reichlichem Masse verwendet würde.
Weiter in der Werbung: "Truth drugs - such as sodium pentathol and sodium amytal - are actually powerful painkillers, invented for use as general anesthetics during surgery. Not only do they not hurt, they tend to make the subject feel giddy (man sollte dafür anscheinend eigentlich dankbar sein), while exercising a tongue-loosening effect akin to alcohol. Cruel and unusual punishment is this not." Klar doch, wer möchte nicht mal nach dem Konsum einer Flasche Schnaps wegen Terrorismusverdacht verhört werden? Naja, die Sache sei, so folgt Kontorovich, "certainly not brutal." Wir müssten uns aber nicht davor fürchten, dass künftig Menschen in den Knast kämen, weil sie im Rauschzustand Geständnisse abgelegt hätten, "interrogations would only be used to disrupt terrorist activities." Weiter: "It would never be used as evidence to prosecute the subject." Da lachen ja die Hühner. Wieso sollte man den USA, welche bspw. ihre eigenen Soldaten vor dem entstehenden internationalen Strafgerichtshof, der dadurch eher zum imperialistischen Machtinstrument des Westens degradiert wird, notfalls mit Waffengewalt zu befreien trachten, den USA, welche vor wenigen Tagen endlich zivilisiertes Verhalten zeigten und den Obersten Strafgerichtshof entscheiden liessen, dass künftig keine behinderten Menschen mehr durch Todesstrafe hingerichtet würden? Und überhaupt: Angenommen, so ein eventueller Terroristenfreund würde befragt und Informationen würden fliessen. Liesse man jenen dann anschliessend einfach so, ohne weiteres, wieder frei rumlaufen? Aber nein, was hege ich nur für abstruse Befürchtungen: "The Supreme Court ruled 40 years ago that confessions obtained under truth serums can't be used to incriminate the subject." Lassen wir Osamas Freunde also weiter planen.
Seinen Humanismus bringt Kontorovich bald darauf zum Ausdruck: "But it's hard to say that a subject experiences any greater humilitation or sense of violation from the latter investigative techingque than the former." Immerhin: Man wird nicht mehr gefoltert. Ist auch schon etwas. Und, wie erwähnt, erklärt der baldige Assistenzprofessor die gegenwärtige Situation der USA als tatsächlich schlimm, so dass das Truth serum eigentlich bald mal zum Einsatz kommen sollte. Man kann nur hoffen, dass die US-amerikanische Bevölkerung die Entscheidung über die Folter- und Betäubungsmethoden nicht den Juristen überlässt.
Fabian Duss, 24.06.2002