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Sonntag, 23. Juni 2002

Autorität vs. Freiheit

Heute Abend wurde ich mal wieder mit der Realität konfrontiert. Das Repressive kam dabei besonders zum Tragen. Ich durfte hautnah das erleben, was in der Frankfurter Schule mit "Rationalisierung des Irrationalen" bezeichnet wurde, eine versuchte, manipulative, jedoch "vernünftig" genannte Erklärung dessen, was mit Vernunft im aufklärerischen Sinne nicht begründet werden kann. Es wäre schön, folgende Story als Übertreibung kommentieren zu können, leider - ja leider - aber ist dem nicht so.

An jenem schönen Sommerabend - Tatort öffentlicher Raum, gemeinhin "Aufschütte" genannt -, ungefähr um Viertel vor Elf, entschlossen wir uns zu viert, den Sprung ins warme Wasser des Luzerner Seebeckens zu wagen. Dass diese Gewohnheit zur Straftat, ja zum revolutionären Akt verkommen sollte, war uns zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht gegenwärtig. Erst der angerauschte Securitas-Mensch klärte uns auf.

Man stelle sich vor: Hunderte Leute auf einer riesigen Wiese, herrlicher Mondschein, vier junge Leute im Wasser. Kommt ein Angestellter der Firma Securitas (und damit sei auf die Teilprivatisierung der Staatsgewalt aufmerksam gemacht) und ruft, unser Tun sei um diese Zeit an dieser Stelle verboten und wir hätten sofort an Land zu kommen. Wir waren buchstäblich fassungslos, unser Erstaunen machte einem urkomischen Gelächter Platz. Sekundenlang, minutenlang. Man stelle sich die Situation vor: Ein Wandschrank von Securitas, in seiner Uniform mit Stiefeln an Land, wir in Badehosen draussen im Wasser und der Typ an Land will uns da heraus haben.

Der Spass blieb aus. Er sprang nicht ins Wasser. Wir hatten im erklärt, dass wir seinen Anweisungen keine Folge leisten würden und uns niemand zu sagen hätte, wann wir wo wie zu baden hätten. Aber - Obacht! - er hatte seine Schulung ordentlich gemacht: Er verwies auf ein geändertes Gesetz der Stadt Luzern. Schallendes Gelächter aus dem Wasser. Wie sollte man anders reagieren? Deutlicher ging es nicht.

Auf die Frage, ob er denn nichts anderes zu tun hätte, als friedlichen Menschen zu verbieten, hier und jetzt zu baden, antwortete er, dies sei Gesetz und schliesslich sein Job. Ich offenbarte ihm, dass ich keinen Bullen und keinen privaten Sicherheits"-Typen in seiner Aufgabe beneide, jeder dies aber freiwillig tue. Und wenn es ihm befohlen worden wäre, dann müsse er sich dies ja nicht gefallen lassen.

Es half nichts. Er beharrte eisern darauf, seine Autorität manifestieren und uns aus dem Wasser holen zu können. "Nun gut", sagte ich, "dann tun sie doch ihren Job ordentlich und rufen die Polizei". Wir seien gerne bereit, im Kastenwagen auf den Posten mitzufahren, weil wir uns des Badens schuldig gemacht hätten. Und überhaupt: Wie sie uns denn aus dem Wasser holen wollten? Er kam seinen Vorschriften nicht nach und alarmierte ob unserer Straftat nicht die Polizei. Schade, denn diesen Anblick hätten wohl alle Anwesenden zum Totlachen gefunden. "Mutwillige Schwimmer mit Kastenwagen abgeholt." Hahaha.

Und er fuhr fort in seinem fehlerhaften Verhalten, denn er versuchte plötzlich, einen Grund für sein Verhalten mitzuteilen. Er habe die Gesetze zu vollziehen und überhaupt seien jene geändert worden, da Baden um diese Urzeit zu laut sei. Die nächsten Gebäude stehen im übrigen rund zweihundert Meter vom Strand entfernt, zwischen Strand und Häusern laufen um diese Urzeit mehrere Ghettoblaster, dutzende Menschen spielen noch Fussball, reden und lärmen. Hinzu kam, dass ausserhalb des öffentlichen Geländes ein Fest stattfand, dessen Musik wir uns den ganzen Abend rund hundert Meter davon entfernt noch anhören mussten.

Jedenfalls machte ich ihn darauf aufmerksam, dass sein Argument nun aber wirklich scheisse sei und wir uns zu viert oder auch mit noch mehr Leuten schon wahnsinnige Mühe geben müssten, um allen anderen Lärm zu übertönen. Er schien zu begreifen und switchte zu einer anderen, standardisierten Begründung. Ob ich denn überhaupt arbeite? "Nun", antwortete ich, "ob ich Arbeit habe oder nicht, dass ist wohl hier nicht das Thema. Ich bin Student und arbeite zwei Tage die Woche auf der Baustelle." Aber auf der Baustelle hätten wir doch auch Vorschriften und Regeln etc.? Klar doch, haben wir, schliesslich ist es auch nur vernünftig, dort gewisse Sicherheitsmassnahmen zu generalisieren. Wie aber wollen sie mir nun mit dem Argument der Vernunft begründen, wieso ich hier und jetzt nicht baden darf?!? Er fand die Worte nicht. Es gibt eben keinen Grund. Aber eben - und er fing wieder von vorne an - die dort hinten, die beim Fest, hätten eine Bewilligung. Er hatte definitiv verloren: "Ist in Ordnung, wir schreiben zusammen ein Gesuch und reichen dies dann bei der Polizei ein. Lautend: Wir erbitten sie, uns zu erlauben, abends um Viertel vor Elf in der Aufschütte baden zu gehen. Lächerlich, nicht?" Er fand es anscheinend nicht lächerlich, ebenso unlustig fand er wohl auch, dass wir mittlerweile wieder einige Meter rausgeschwommen waren und friedlich umherplanschten. Wir wären eh Idioten und überhaupt, Angst hätten wir auch, nur gross rumreden könnten wir, wenn's aber brenzlich würde, zögen wir den Schwanz ein, etc. Ich musste ihn schliesslich doch noch darauf aufmerksam machen, dass ich in wenigen Tagen mitten im Krieg, in Palästina sein würde, um der Zivilbevölkerung vor Ort nach besten Mitteln zu helfen. Ob er denn eigentlich nichts gescheiteres zu tun hätte, als hier herum zu patrouillieren und jungen Leuten das Schwimmen zu verbieten, ob es nichts Besseres zu tun gäbe, dass er mit seinem Leben anfangen könne? Und überhaupt: Dies hier sei meine Freiheit und niemand habe eine Recht, mir diese zu nehmen. Eine Freiheit innerhalb repressiver Gesetze würde ich weder akzeptieren noch ihr Folge leisten.

Vergebens, er maulte wie ein Schulbube. Inzwischen war ich aus dem Wasser gekommen - schliesslich hatte ich das erfrischende Bad ja genossen - und zog an ihm vorbei Richtung Wiese, liess ihn allein mit seinen Gedanken, seinem erschütterten Autoritätsbewusstsein, seinem angekratzten Glauben an DAS Gesetz. Aber wir werden wohl wieder mal antreffen. Hoffentlich funkt er dann einen Kastenwagen herbei. Soll er! Es wäre zum Totlachen... Emanzipation!

Fabian Duss, 23.06.2002