Mittwoch, 01. Mai 2002
Gedanken zur Fristenlösung
Sehr nachdenklich stimmt mich, über dieses Thema abstimmen zu "müssen". Das Thema ist mir aber keineswegs fremd. Da mich als Student eine ungewollte Schwangerschaft in eine Extremsituation bringen könnte und kein Verhütungsmittel hundertprozentige Sicherheit garantiert, habe ich mir auch schon intensiv Gedanken dazu gemacht.Eine schwierige Entscheidung
Jede und vor allem auch jeder muss im Falle einer unerwünschten Schwangerschaft eine - wohl immer nicht leichte - Entscheidung fällen. Die hängt so stark vom persönlichen Erleben, vom persönlichen Umfeld und den eigenen Werten ab, dass es mir schwer fällt, über eine Regelung zu entscheiden, die andere betrifft, die sich gerade in dieser Situation befinden, wohingegen ich mir dies nur vorzustellen versuchte und theoretisch entschied. Dass dies immer auch eine emotionale (in gewissen Fällen auch erst nach der Abtreibung emotional werdende) Entscheidung ist und deshalb auch ein emotionaler Abstimmungskampf mit sich zog, liegt auf der Hand, ist relativ leicht zu erklären und sollte nicht (insbesondere von männlichen Politikern) verteufelt werden.Worte und Definitionen
Häufig wird lange über Worte gestritten, bis man überhaupt zu den Standpunkten kommt. Einigen mag dies kleinlich erscheinen, dennoch sind Worte meist mehr als nur klingende Silben und drücken bereits Ansichten aus. Sicherlich unangebracht ist "Schwangerschaftsunterbruch", da ein Unterbruch immer eine Fortsetzung bedeutet. Die Wortstreitereien ziehen auch rechtliche Fragen nach sich, da z.B. ein Mensch Anspruch auf die Menschenrechte hat. Die schwierige Frage "Wann ist ein Mensch Mensch?" umgeht das heutige Gesetz geschickt. Es steht dem Ungeborenen indirekt Rechte zu. Sobald das Kind nach der Geburt (auch nur kurz) lebt, erhält es rückwirkend alle Rechte.Dass bei einer Schwangerschaft etwas Lebendiges entsteht, welches ein eigenes Genom und damit ein eigenes Entfaltungspotential mitbringt, bestreitet wohl niemand. Trotzdem bleiben die heiklen Fragen: Wie schlimm ist eine Nichteinnistung oder Abtreibung? Wann ist der Mensch da? Wäre dies bereits der Zeitpunkt der Befruchtung, so folgten eine Reihe schwieriger Konsequenzen. Dann würden sämtliche Verhütungsmethoden, welche die Einnistung des befruchteten Eis in die Gebärmutter verhindern, unter Abtreibungen fallen. Ebenso wäre dann jegliche Abtreibung, die ja nicht einen natürlichen Vorgang darstellt, rechtlich gesehen Mord. Eine durch Verhütungsmittel verhinderte Nichteinnistung als schlimm anzusehen geht nach meiner Ansicht zu weit. Vielfach geschieht dies auch auf natürlichem Wege und oft finden auch sehr frühe Totgeburten statt, ohne dass die Frauen dies selbst überhaupt bemerken. Hat sich das Ei aber erfolgreich eingenistet, dann wird und bleibt es schwierig.
Warum so emotional?
Gefühle gehören zum Menschsein und in besonderen Situationen sind sie stärker als in anderen. Wenn wir ein verhungerndes Kind in Afrika, Soldaten im Krieg, ein alter Mensch im Spital oder ein junger Mensch an Krebs sterben sehen, so bewegt uns das sehr. Was haben diese Situationen gemeinsam? Sie drehen sich um Leben und Tod. Und da wir selbst vergänglich sind, lässt dieses Thema kaum einen kalt. Bei der Abtreibung vertreten wohl nur eine Handvoll Extremisten die Auffassung von "Biomasse", während die anderen die Tatsache eines Todes anerkennen.Bei einer Schwangerschaft empfindet wohl jede Frau Gefühle, die als Mann, mag mann noch so mitfühlend sein, nur sehr schwer oder sogar kaum nachempfunden werden können, da er das "Leben schenken" nicht auf diese Art und Weise kennt. Sicherlich empfindet auch er etwas, wenn ein Kinderwunsch besteht und nicht mehr verhütet wird. Dennoch ist die emotionale Bindung, einerseits durch das Wachsen und Sein im Körper der Mutter und andererseits durch die traditionelle Rollenverteilung gefördert, zwischen Kind und Mutter in der Regel stärker als zwischen Kind und Vater. So wie das Kind im Mutterleib wächst, so stirbt es während der Abtreibung auch dort. Die Frau muss deshalb selbst, wenn nötig mit beratender Unterstützung, einschätzen können, mit welchem Entscheid, mit welchen Gefühlen sie leben kann. Doch es geht auch um die Gefühle der Mutter gegenüber dem Kind. Ungeliebte Kinder dürften nicht besonders glücklich sein, ist der Mensch doch angewiesen auf Liebe.
Verrückte Welt
Natürlich dient dies zur Propaganda, zur Beeinflussung, dass ich nach ihrem Wunsch abstimme. Dennoch schockieren mich einige gezeigte Praktiken aus dem Ausland. So z.B. die Dilatation-Entleerung (D&E), bei welcher der abtreibende Arzt dem Baby ein Bein abschneidet und wartet, bis es verblutet ist. Oder die Teilgeburtsabtreibung (D&X, vor allem in den USA), bei der zuerst ein Bein gewaltsam in den Geburtskanal herausgezogen und das Baby bis zum Kopf entbunden wird. Der abtreibende Arzt stösst danach mit einer spitzen Schere in den Hinterkopf, reisst ein Loch auf und saugt das Gehirn heraus. Danach wird das tote Baby entfernt. Das war jetzt nur technisch geschildert. Natürlich gibt es auch Untersuchungen, wie das Baby darauf reagiert...Mir ist übel. Aber die Brutalität von Menschen gegenüber Kindern und Babys ist nichts Neues, wird von den meisten ohne Wimperzucken zur Kenntnis genommen und selbst emotional geduldet.
Bilder von Ärzten
Jeder von uns läuft mit einem Set von Bildern oder Schubladen herum. Die allermeisten denken, so sind Lehrer, so sind Polizisten, so sind Studenten, so sind Handwerker, so sind Richter und z.B. auch "so sind Ärzte". Ärzte kennen wir als freundliche Menschen in Weiss, die unseren Körper wieder instand stellen. Arztserien wie "Der Bergdoktor", "ER" u.a. sind äusserst beliebt und wie die Pilze in die Kiste geschossen. Kaum verwunderlich, erinnern sie inmitten dieser immer gewalttätiger scheinenden Welt mit ihrer Fürsorge an Humanismus und Menschliches. Sie legen auch einen Eid ab, arbeiten hart... Zum letzten ein kurzer Exkurs. Ärzte arbeiten vielleicht weniger so hart, weil sie enorm selbstlos sind, sondern eher weil sie soviel verdienen und damit eine Stunde Freizeit für sie wesentlich teurer ist (Alternative ist der Lohn).Aber die Zunft der mittlerweilen nicht mehr so weissen Götter hat auch schwarze Flecken auf ihrem Kittel. Wieviele Foltermethoden sind von Ärzten erfunden worden, kennen sie sich doch besonders gut aus mit dem menschlichen Körper? Wieviele Ärzte arbeiteten oder arbeiten in KZs und sonstigen Lagern? Wieviele unterstützen die Selektion von Menschen, sprich: Die Abtreibung von behinderten Menschen? Wieviele drängen Frauen nach einer positiven Diagnose dazu, ihr behindertes Kind abzutreiben? Schlimmstes Gedankengut beginnt nicht braun, sondern da, wo das Leben eines anderen Menschen weniger Wert ist als das eigene.
Die Rolle des Mannes
Wer genau las, wird einen scheinbaren Widerspruch bemerkt haben. Ganz zu Beginn schrieb ich "jede und jeder muss... eine Entscheidung fällen", später "die Frau muss selbst... einschätzen können, mit welchem Entscheid, mit welchen Gefühlen sie leben kann". Auch anfügen könnte man die Aussage von Sara: "Mein Bauch gehört mir." (im internen Bulletin, Anm. des Webmasters) Natürlich gehört der Bauch der Frau, aber der Inhalt auch? Kinder als Besitz? Ganz klar ist in einer solch schwierigen Situation dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die Frau aus oben genannten Gründen stärker betroffen ist und sowohl die Schwangerschaft wie auch eine Abtreibung in ihrem Körper stattfindet. Dennoch hoffe ich, dass sich möglichst wenig Männer aus der Verantwortung stehlen und jeweils ein Entscheid gefunden werden kann, mit dem beide leben können. Als Mann und Irgendwann-vielleicht-Vater würde ich auf jeden Fall Verantwortung für den entstehenden Menschen fühlen und auch übernehmen.Konsum statt Verantwortung?
Ich kenne nur die gesellschaftlichen Realitäten, die ich mit den Leuten erfahre, mit denen ich genügend Offenheit teile, um sich auszutauschen. Hinzu kommen noch die Abbilder der Realitäten in den von mir gewählten Medien. Von vielen anderen erlebten, möglicherweise unterschiedlichen Realitäten weiss ich vermutlich wenig bis nichts. Dennoch möchte ich hier einige allgemeine Fragen stellen. Leben wir vielleicht in einer Welt, in der ungeschlechtliche Liebe (Nächsten-, Menschen-) seltener wird, Vergeltung und Rache zunehmen? In der viele Leute fast nur noch sehen, was sie angeblich brauchen und haben müssen und nicht mehr, was sie geben können? Wo überall von Bedürfnissen geredet wird, Beziehungen oft nur noch der gegenseitigen (technisch-wahrgenommenen) Bedürfnisbefriedigung dienen? Wo Sexualität und Erotik konsumiert werden? Wo eigenes Leiden durch die Regierung, eine Partei, die Gesellschaft, die Medien, den Chef verursacht wird, die Verantwortung wir dafür nicht tragen und es auch nicht ändern können? Wo auch keine Verantwortung für nachlässigen Umgang mit Verhütungsmitteln, Alkohol und Drogen übernommen wird?Respekt vor dem Leben und dem Tod
Es stimmt mich sehr, sehr nachdenklich, so ein Abstimmungsthema in den Händen zu halten und als mündiger Bürger darüber befinden zu sollen. Mir ist bewusst, dass Gesetze und auch Richterurteile oft der Realität bzw. der Meinung einer Mehrheit angepasst werden. Kaum eine Partei kann es sich leisten, gegen die Mehrheit der Bevölkerung etwas beizubehalten oder durchzusetzen. Doch liegt die Mehrheit immer gut? Einstmals glaubte die Mehrheit, die Erde sei eine Scheibe, heute glaubt eine Mehrheit, sie sei kugelförmig... Irgendwie glaube ich, dass wenn mehr Respekt vor dem Leben bestände, es wesentlich weniger Abtreibungen gäbe, denn unterstützende Institutionen gibt es. Wie komme ich zu dieser Annahme? Aus allgemein von mir erlebten Tendenzen. Dazu ein paar Beispiele. (1) Bereits wird vor Gerichten das Recht auf Sterben (als Menschenrecht!) verlangt. (2) Viele Arbeitnehmer fühlen sich ersetzbar, wie ein Rädchen in einer Maschine und tagtäglich wird in den Medien gezeigt, wie scheinbar so wenig werte Menschenleben von Politikern für Ideen beendet werden. (3) Gestorben wird bei uns versteckt, in Altersheimen und Spitälern. Wann hast du das letzte Mal einen Leichenwagen gesehen? Der Tod ist von unserer Gesellschaft verdrängt, mit weitreichenden Konsequenzen für das Leben. Weil sie das Sterben nicht mehr sehen und nicht als natürlich erleben, erschrecken viele Leute, wenn sie denn einmal konfrontiert werden (Unfall, nahe Verwandte, Krebsdiagnose, ...). Ausserdem sterben "die andern". Wäre der Tod natürlicher und würde nicht versteckt gestorben, lebten wohl viele nicht mehr einfach so dahin, als hätten sie noch ein langes Leben vor sich (natürlich garantiert durch Statistiken mit Durchschnittswerten und man gehört natürlich zu den wenigen genau auf dem Durchschnittsalter). Paradox ist, dass gerade ich oft gefragt werde, ob ich nicht morbid sei, wenn ich erzähle, dass ich mir oft den Tod, die eigene Vergänglichkeit vor Augen halte. Nein, man geniesst Dinge um so mehr, hält aber nicht an ihnen fest, ist dankbar für jeden neuen Tag, für jeden Moment, in dem man etwas erleben und lernen darf. Man findet das Leben etwas Spannendes und Kostbares, das eigene wie auch das anderer Menschen und anderer Lebewesen.
Andy Wolf, 01.05.2002