Samstag, 07. Mai 2005
Aufruf zum Almosenstaat
Kommentare sollen durchaus pfiffig sein. Sie können auch polarisieren und somit eine Diskussion in Gang bringen. Dies setzt aber immer eine fundierte Kenntnis der Sachlage voraus. Peinlich werden Kommentare in den Medien dann, wenn der Verfasser sich mit der Materie nur oberflächlich oder gar nicht auskennt.Nach dem Lesen von Chefredaktor Thomas Bornhausers Kommentar in der Neuen Luzerner Zeitung vom 2. Mai kommt man zum Schluss, dass Letzteres auf ihn zutrifft. Er schreibt u.a. dass sich die meisten mittlerweile um den 1. Mai futtieren. Er auch, denn ich habe ihn noch nie an einer 1.Mai-Veranstaltung gesehen.
Ich erinnere mich noch genau an die frühen 80-er Jahre, als die 1. Mai-Kundgebung in Luzern auf dem Kornmarkt stattfand, die Menge praktisch Schulter an Schulter stand, so dass gerade mal ein mittlerer Kreis gebildet werden konnte... Am 1. Mai 2001 sitzen und stehen Hunderte auf dem Kapellplatz, Hungrige müssen sich gedulden, da der Grill nicht mehr hergibt, der Kaffee ist bereits um 19.00 Uhr alle und das Risotto überlebt gerade mal knapp eine Dreiviertelstunde, dann ist auch hier der Kessel leer. Und da kommt Herr Bornhauser - natürlich nicht anwesend - und impliziert mit seinen Zeilen, dass auch in Luzern der 1. Mai nur von einer Handvoll Unentwegter besucht wird... Ins Zentrum (auch typografisch) seines Pamphlets stellt B. die löbliche Weihnachtsaktion der NLZ. Aha: Nicht der Sozialstaat ist wesentlich, sondern private Unterstützungsaktionen (die sehr wichtig sind, aber den gefährdeten Sozialstaat nie ersetzen dürfen!). Lasset uns rückschreiten zum Almosenstaat, es lebe das Mittelalter!
Dann versteigt sich Chef Bornhauser zur Aussage, dass die mangelnde Solidarität einiges über den Zustand der Linken aussage. Wenn jemand in diesem Land solidarisch ist mit den unteren sozialen Schichten und sich einsetzt für die Erhöhung des Lohnes der unteren und mittleren Einkommen, dann ist es die Linke. Die Linke ist unter sich solidarisch und arbeitet daran, dies weiter zu bleiben, was von anderen politischen Kräften nicht gesagt werden kann.
Die Ex-Terroristin Leila Khaled sei zum Star der 1. Mai-Feier in Luzern emporstilisiert worden, schreibt B. Erstens wurde Khaled von den Organisatoren der 1. Mai-Feier nicht eingeladen oder gar emporstilisiert und zweitens hat die Linke kaum die Macht, einen Menschen zum Star werden zu lassen. Dies übernehmen die Medien, in Luzern die Neue Luzerner Zeitung unter der Verantwortung von Chefredaktor Thomas Bornhauser.
Stephan Zopfi (SP), 07.05.2001