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Freitag, 20. Februar 2004

Platz da für Junge, Fussballer und Kopfständler

Am Vorabend des Schmutzigen Donnerstag liegt ein dickes weisses Couvert im Briefkasten: der gemeinsame Wahlwerbeversand der Stadtluzerner Parteien. Im Volksmund kurz Tierbücher genannt. Lektüre wahlweise vor oder während der Fasnacht - oder vielleicht lieber erst am Aschermittwoch. Die offiziellen Wahlunterlagen, sprich die Wahllisten, folgen in der Woche vom 1. März.

Die CVP und der Fussball

"Offensiv und treffsicher", steht auf dem grössten, edelsten, vermutlich teuersten und und unzweifelhaft sportlichsten Wahlprospekt. Die CVP hats mit dem Fussball. Ein kleiner Schönheitsfehler nur, dass auf dem Gruppenbild nicht elf, sondern zwölf Mitspieler vor dem Tor stehen. Ist der oder die Zwölfte vielleicht zum Auswechseln gedacht, falls, oh Wunder, eine ganze CVP-Fussballmannschaft gewählt würde?

Die SVP will "die Wende" - offenbar auch in der Zusammensetzung ihrer bisher frauenlosen Fraktion. Zumindest hat sie im Prospekt für ihre vier Kandidatinnen die besten Plätze reserviert. Die Werbung für die beiden SVP-Stadtratskandidaten fällt daneben fast ein bisschen bescheiden aus, oder soll man mit Blick auf die Chancen für den 28. März sagen, sehr realistisch.

Viel Grundsätzliches

Das Grüne Bündnis und die Grafik: Das ist eine Geschichte für sich. Weil die Grünen bekanntlich immer so wahnsinnig viel (Grundsätzliches) zu sagen haben, tun sie es in genau der Schrift, die zu lesen man sich zwingen muss. Müsste, wenn mans lesen wollte. Und warum es originell sein soll, die Namen der Kandidaten kopfverrenkend senkrecht zu stellen, wissen die Götter, pardon die Grünen. Es lebe die Selbstverwirklichung der Grafiker!

Die SP hat ihren Prospekt zum Rätsel gefaltet. Wem gehört die Augenpartie, die uns strahlend entgegenlacht? Richtig, Stadträtin Ursula Stämmer. Auf der Rückseite setzen sich die Grossstadtratskandidaten in Position, wie üblich bei der SP zwar mit Aufzählung von Greenpeace und Gewerkschafts-Engagements, aber ohne familiäre Angaben. Die FDP setzt auf der ersten Seite auf Stadtrat Kurt Bieder, macht blau-rot-weiss auf Wiedererkennung, hält die politischen Thesen wohltuend kurz und gibt den Kandidaten Raum für eine persönliche Note. Der Prospekt ist grundsolide. Bloss nichts Aufregendes.

Die CHance 21 steht für Opposition. Nein zum Uni-Würfel, Nein zum Boa-Nachtlärm, Nein zur Fusion mit Littau. Klare Aussagen. Dazu Kürzestangaben zu den Kandidierenden. Übersichtlich ists auf jeden Fall. Kurz und bündig macht es auch die Christlichsoziale Partei, welche ihre einzige Vertreterin ins beste Licht rückt, und die Aktiven Senioren.

Mit dem Slogan "Platz da" reklamieren die Juso resolut Sitze für die Jungen im Parlament. Die Jungen Grünen wollen dasselbe, aber zahmer: "Damit die Zukunft eine Zukunft hat." Die beiden Jungparteien laden übrigens zur "Vote in Party" am 6. März in der Boa.

Mit Volldampf voraus

Ganz zuhinterst im Couvert der Flyer für Stadtpräsident Urs W. Studer. Sein Komitee empfiehlt ihn als Brückenbauer, Teamplayer, Familienvater und, man glaubt es kaum, als Politiker. Und dann liegt da noch eine Karte im A5-Format des Komitees Stämmer/Meier/Studer. Die drei Genannten stehen wie zufällig im Maschinenraum eines Raddampfers, halten sich leicht verkrampft an Leitern und Rädern fest und verkünden auf der Rückseite: "Mit Volldampf in die zweite Runde."

Wen wählen? Wie sich ein Urteil bilden auf Grund dieses Häufchens Papier? Wer ist nicht für gesunde Stadtfinanzen, gute Schulen und ein breites Kulturangebot? Die Nuancen erschliessen sich erst bei der zweiten Durchsicht. Oder im direkten Gespräch. Tipp: Die meisten Parteien machen Standaktionen. Hingehen, auf den Zahn fühlen!

RUTH SCHNEIDER

Quelle: Neue Luzerner Zeitung, 20.02.2004