Montag, 22. April 2002
Jungparteien ohne Visionen
Die Schweiz und ihre Zukunft: Dieses Thema haben junge Politiker in Ebikon diskutiert. Was fehlte, war das Publikum und politische Visionen.Gerade mal sechzehn Personen waren es, die am Freitagabend wissen wollten, wie junge Politiker die Schweiz und ihre Zukunft sehen. Der Jugendrat Ebikon hatte im Singsaal des Sagenschulhauses zur Podiumsdiskussion eingeladen. Dabei standen Themen wie die Schweiz und die UNO, der EU-Beitritt, die Goldinitiative, die Neat und der Gotthard oder die Fristenlösung zur Diskussion.
Kaum Neues
Bei den meisten Themen wichen die vier jungen Politiker nicht von ihrer Parteilinie ab. So etwa schoss Pirmin Müller von der JSVP bei der Diskussion über die Schweiz und die UNO gegen den Bundesrat, warf ihm Grossmachtallüren vor und brachte Voten, die schon anderen Parteifreunden über die Lippen gingen: "Es ist erstaunlich, welche ?Aktivitis? unsere Oberen nach der UNO-Abstimmung entwickeln."Armin Camenzind von der JFDP versicherte der Zuhörerschaft, dass die FDP bezüglich UNO das machen werde, was dem Volk versprochen worden war. Emotionaler wurde es bei der Diskussion der Fristenlösung, wo die Fronten klar gegen SVP-Jungpolitiker Müller eingenommen wurde.
Trotz grosser Emotionen blieben auch da die Argumente im parteiüblichen Rahmen und es sollte beim Thema Kostenbremse und Schuldentilgung nicht anders sein. Da nützten selbst präzis gestellte Fragen der Gesprächsleiterin Alice Chalupny, Reporterin der Neuen LZ, nichts. Visionäre Ideen wurden keine entwickelt, die Diskussion kreiste vielmehr darum, wo, wann und von wem zu viel Geld ausgegeben wurde. Das Publikum quittierte den Diskurs aber prompt mit der Frage: "Was diskutiert ihr da über bereits beschlossene Sachen?"
"Ich hatte nicht sehr grosse Erwartungen", erklärte die Präsidentin des Jugendrats Martina Studer nach dem Podium, "aber die Teilnehmerzahl ist enttäuschend." Martina Studer wies darauf hin, dass das Interesse an Politik bei den Jugendlichen überhaupt nicht sehr gross sei. Trotzdem will sie auch in Zukunft auf Anlässe dieser Art nicht verzichten.
"Klar wäre es schöner, wenn das politische Interesse grösser wäre", sagte Pirmin Müller im Gespräch im Anschluss an die Diskussion. Von politischem Desinteresse möchte er allerdings nicht reden. Gerade bei der JSVP seien die Mitgliederzahlen am Steigen. Müller zeigte sich überzeugt, würden Politiker ihre Profilierungssucht etwas zurückstecken und dafür die Interessen des Volkes wahrnehmen, wäre auch das Vertrauen in die Politiker und das Interesse an der Politik wieder grösser.
"Lieber zwanzig Leute, die zuhören, als fünfzig, die sich langweilen", sagte Armin Camenzind. Die Feststellung, dass junge Erwachsene nicht mehr am politischen Alltag interessiert seien, weist er zurück. Gerade die Veranstaltungen zur UNO-Abstimmung hätten grossen Anklang gefunden. Camenzind ist voll motiviert, er sieht sein politisches Ziel klar vor Augen: "Das nächste Jahr sind Wahlen. Da sollen junge Menschen ins Parlament gewählt werden - egal welcher Ausrichtung."
Rene Gmür besuchte schon Anlässe dieser Art mit weniger Zuhörerinnen. Der JCVP-Mann spricht aber davon, dass junge Erwachsene durchaus politisch interessiert wären. In eine Partei einzutreten käme aber für viele nicht in Frage. Er selber macht Politik, weil er im politischen Alltag mitreden und ihn mitgestalten will.
Keine konstruktive Diskussion
Bezüglich mitbestimmen und mitgestalten sieht es auch Michael Kieser von der Juso ähnlich. Er bestätigte als einziger das Gefühl von Martina Studer. "Wenn ich die Diskussion von heute Abend betrachte, begreife ich das politische Desinteresse." Kieser bedauerte es sehr, dass zurzeit auch unter jungen Politikern keine konstruktive Diskussionen geführt werden könnten. "Es ist vielmehr ein Wortgefecht, ein Schlagabtausch, der die Parteien in ihren Positionen verharren lässt." Trotzdem ist er fest entschlossen, im Machtgefüge der Politik mitzumachen: "Ich will nicht, dass über mich bestimmt wird. Ich will selbst mitbestimmen können."VON RENATA SCHMID
Quelle: Neue Luzerner Zeitung, 22.04.2002